Die Deutsche Bahn, defekte Toiletten und dringende Bedürfnisse.
Sebastian G. aus H. ist ein besonnener Mann, der den jederzeit gut gemeinten Ratschlägen seiner Ehefrau gern zu folgen bereit ist. Und so entschloss sich der passionierte Autofahrer auf ehefraulichen Hinweis, seine Reise vom äußersten Westen der Republik in die Nähe der deutsch-polnischen Grenze wegen drohender Autobahn-Staus zu Sommerferienbeginn der deutschen Bahn AG anzuvertrauen. Erstklassig, versteht sich.
Schon oft bewunderte der Unternehmer die schnittigen Intercity-Express-Züge, die pfeilschnell und schattengleich vorüberzogen, während er mit dem Auto an Bahnübergängen wartete. "Warten" hat für den Kaufmann im Rückblick auf seinen schienengebundenen West-Ost-Trip jetzt eine besondere Bedeutung.
Dass das Flaggschiff des deutschen Bahnmonopolisten verspätet startete und die Küche des Speisewagens kalt blieb, brachten Sebastian nicht aus der Ruhe. Ärgerlich nahm er zur Kenntnis, dass der vorgebuchte erstklassige Sitzplatz nicht zur Verfügung stand. Indessen reagierte er flexibel und ließ sich wegen der Sommerhitze in der Nähe des "rollenden Kioskes" nieder, um seine Versorgung mit kühlen Getränken sicher zu stellen.
Nach medizinischen Erkenntnissen beträgt das Fassungsvermögen der Blase eines Erwachsenen zwischen 250 und 400 ml. In seltenen Fällen speichert sie kurzfristig sogar bis zu 800 ml. Wann Nervensystem und Muskelspannungen Sebastian die sich abzeichnende Auslastung seiner Blasenkapazität signalisierten, ist ihm entfallen. Beruhigt stelle er allerdings fest, dass in dem völlig überfüllten Zug die nächste Bedürfnisanstalt wenige Meter von ihm entfernt war. Nach dem Druck auf die Klinke wurde ihm "außer Betrieb"
signalisiert.
Sebastian erinnert sich deutlich an die Kombination des Gefühls aufsteigender Panik verbunden mit dem immer heftiger werdenden und die Lebensqualität entscheidend einschränkenden Harndrang.
Eine Odyssee beginnt: Zwei Stunden irrt Sebastian durch verstopfte Gänge, stolpert über herumliegende Gepäckstücke, steigt über in den Wegen sitzende oder liegende Reisende. Vier weitere Toilettentüren bleiben ihm verschlossen, er ist sowohl der Verzweiflung als auch einer unspektakulären Kurzschlussreaktion nahe. Rettung naht in Form einer zufällig auftretenden Zugbegleiterin, die sich Sebastians ultimativer Forderung nach Erleichterung annimmt. Dabei staunt er über die visionäre Ausstattung des Zuges. Wegen Wassermangels verschließen sich nämlich die Türen der Toiletten vollautomatisch selbst.
Sebastians schriftlich geäußerter Empörung über seine Reiseerlebnisse begegnete die Bahn AG mit einem Scheck über magere 102,38 Euro Schadenersatz und war dabei vermutlich der Ansicht, dass bereits durch die Erleichterung im Zug genügend entschädigend gewirkt habe. Im folgenden Prozess stockten die Richter das Schmerzensgeld um weitere 300 Euro auf und berücksichtigten "Heftigkeit und Dauer der Unannehmlichkeiten".
Im Verhandlungsprotokoll der mündlichen Verhandlung findet sich übrigens kein Vermerk, wonach der Prozess für das Aufsuchen einer öffentlichen Bedürfnisanstalt zu unterbrechen war. Seine Modelleisenbahn hat Sebastian soeben verkauft und in Autobahnstaus genießt er das Gefühl unbegrenzter Erleichterungsmöglichkeiten.
Ähnlichkeiten mit aktuellen oder vergangenen Rechtsfällen sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich beabsichtigt.