Nicht jeder gepflegte Rasen sollte gleich als Golfplatz genutzt werden.
Eigentlich sind Maulwürfe Jürgen H.'s einzige natürliche Feinde. So meinte er jedenfalls bisher. H. ist nämlich Hausmeister einer Eigentumswohnanlage in M. und in dieser Eigenschaft nicht nur für störungsfreies Wohnen seiner 320 Schutzbefohlenen zuständig, sondern sorgt als leidenschaftlicher Hobbygärtner auch für ein ansprechendes grünes Ambiente innerhalb seines Bewirtschaftungs-Reviers. H. als Hausbesorger ist in Gartendingen von solcher Überzeugungskraft, dass die Eigentümergemeinschaft sogar der Anschaffung eines äußerst kostspieligen Rasenmähers mit kompliziertester Technik sowie einer großen Menge Spezialdünger zustimmte.
Der Herr des Grüns bearbeitet damit die zunächst als einfache Wiese gedachte Fläche so professionell, dass er eine ältere Mitbewohnerin nur durch ein Machtwort davon abhalten konnte, ihm auf dem makellosen Rasenteppich hilfreich mit einem Handstaubsauger zur Seite zu stehen.
Kurz: Durch die liebevolle Behandlung und technisch nicht zu überbietende Rasenpflegetechnik erfreut H. die Menschen seines Zuständigkeitsbereiches mit einem Traumrasen, der an Dichte, Farbe und Widerstandsfähigkeit kaum zu überbieten ist. Kritiker seiner Gärtnerkunst ließen sich indessen allein durch einen Blick aus dem Fenster über die parkähnliche Anlage besänftigen.
Ein durch Entsetzen und Wut ausgelöster plötzlicher Blutdruckanstieg während der täglichen Rasenrasur verursachte bei H. neulich beinahe einen Herzinfarkt. Rasenfrevler und Wiesenmeuchler hatten in einem schlecht einsehbaren Teil der Grünanlage zwischen neun und 18 kreisrunde Löcher in die Fläche gegraben.
Grundlos, wie es schien und aus reinem Zerstörungswahn. Der deutsche Literat Kurt Tucholsky meint zwar "ein Loch ist
da, wo etwas nicht ist", H. dagegen gab keine Ruhe, bis die Verunstaltungen durch Auffüllen wieder beseitigt waren.
Die rätselhaften Bodenvertiefungen fanden sich allerdings in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder, bis H. detektivisch vorging und sowohl Hand als auch Maß anlegte.
Die Kuhle wies exakt eine Breite von 107,9 Millimetern auf. Mit diesem krummen Umfang konnte H. wenig anfangen und klagte sein Leid während einer Eigentümerversammlung. Ein pensionierter Buchhalter und erklärter Hobbykriminalist nahm dies als Anlass zum Tüfteln.
Als Ergebnis seiner Berechnungen gab er bekannt, dass die vorgefundene Breite auf der britischen Insel exakt viereinviertel Zoll (englisch: inch) entsprächen. H. und der Freizeitfahnder legten sich auf die Lauer, um dem Ursprung des grabenden Übels auf die Spur zu kommen. Sie entlarvten an einem Spätsommerabend weder außerirdische Besucher noch spukende Maulwürfe, sondern drei britische Mieter, die als Armee-Offiziere H.'s gepflegte Rasenfläche als ein Dorado für das Golfspiel-Trainig entdeckt hatten, dessen zentraler Kern bekanntlich das Loch ist.
H. löste sich aus seiner Deckung, betitelte die Gentleman erregt als ...loch und pfiff selbst vor Wut aus dem Letzten.
Die Eigentümergemeinschaft verklagte die britischen Einlocher auf Schadenersatz. Befriedet wurde die löcherige Streitigkeit durch den Kommandeur der grabenden Kavaliere: Er versetzte die Soldaten noch vor Beginn der mündlichen Verhandlung auf ihre von Golfplätzen übersäte Heimatinsel.
"Golf ist anders" notierte der spanische Philosoph Ortega y Gasset. Wie anders allerdings, verschweigt er. Aber mehr muss man über das Golfspiel wohl auch nicht wissen...
Ähnlichkeiten mit aktuellen oder vergangenen Rechtsfällen sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich beabsichtigt.