Wenn Geschmacksgleichschaltung auch das Kauwerk ruiniert.
Venusmuscheln mit Süßkartoffeln, Milchschwein auf Orangen, Birnen-Tarte: Michael Sch. aus O. nur als Hobby-Koch zu bezeichnen, kommt einem Frevel gleich. Obwohl Michael seinen kulinarischen Leidenschaften nur in der Freizeit huldigt und hauptberuflich im oberen Management eines führenden deutschen Wirtschaftsunternehmens Verantwortung trägt, ist er in der Küche auch von Rührlöffel-Profis kaum zu schlagen. Aber manchmal überkommt ihn eine seltsame Lust - so unvermeidlich und grausam, wie den Werwolf die Verwandlung in Vollmondnächten. Hinterher, wenn schlechter Geschmack und Völlegefühl ihn peinigen, schämt sich Michael für seinen barbarischen Frevel, wie ein biederer Ehemann nach dem Besuch der Domina.
Michael verrät nämlich von Zeit zu Zeit die Geschmacksknospen seiner empfindlichen Zunge an Produkte des amerikanischen Fastfood. Der Anblick fader Frikadellen mit Einheits-Ketchup, essigsaurem Senf und Gen-Gurken-Auflage zwischen zwei schlaffen Brötchenhälften verursachen dann bei ihm rätselhaft-maßlosen Speichelfluss. Pommes-Frites-Beilage mit Mayonnaise und ein Liter eisgekühltes Cola-Getränk vervollkommnen den Vergewaltigungsprozess seiner Geschmacksnerven. Bisher strafte ihn für seine Geschmacks-Gleichschaltung lediglich seine revoltierende Magen-Darm-Motorik. Als er aber jüngst über einen Doppel-Burger mit High-End-Würz-Käse-Mischung herfiel, rächte sich auch sein regelmäßig und sorgfältig gepflegtes Kauwerk. Präsentierte sich nämlich die Konsistenz aus der Küche eines Fritten-
Imperiums als weich-warme Masse ohne nennenswerten Kauwiderstand, bot sich diesmal seinen mahlenden Backenzähnen sowohl unerwartet wie ungewohnt eine heftige Renitenz, die unbarmherzig ein Exemplar des Kauapparates als Opfer forderte. Geistesgegenwärtig spie Michael zum Argwohn der übrigen Gäste den Speisebrei aus vollen Backen ins Einwickelpapier. Nach kurzer Suche präsentierten sich ihm ein unförmiges hartes Stück unbekannter Herkunft. Ein zweiter harter Gegenstand entpuppte sich als ein herausgebissener Backenzahn. Versehentlich war der Genuss-Burger mit einem großen Knochenstück gewürzt worden.
Voll Reue und niedergeschlagen wegen seiner Gier nahm Michael zunächst Platz auf einem Zahnarzt-Stuhl und kurz darauf im Sessel eines Rechtsanwaltes. Der beklagte den Mangel an sorgfältiger Zubereitung amerikanischer Esskultur und lief mit seiner Schadenersatzforderung bei der Marken-Schnellimbiss-Kette gegen Schlachthaus-Mauern. Mit Hilfe des Gerichtes versuchte er, sie einzureißen. Mit Erfolg. Das Gericht sicherte Michael die Zahnsanierung auf Kosten des Fritten-Imperiums und verurteilte es zur Zahlung eines Zahnimplantates.
Michael indessen steht inzwischen zu seiner kulinarischen Perversität. Allerdings hat er aus dem Missgeschick gelernt und bereitet die kalorientriefenden Geschosse in der eigenen Küche zu. Dafür verzichten seine Gäste manchmal sogar auf Milchschwein auf Orangen.
Ähnlichkeiten mit aktuellen oder vergangenen Rechtsfällen sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich beabsichtigt.