Je potenter der Hahn, desto lauter das Gehkrähe - wie viel Kikeriki ist erlaubt?
Zurück zur Natur! Erwin G. aus K. fühlte sich als gestresster Werbemanager eigentlich bereits reif für die Insel. Trotzdem entschied er sich zunächst für den Umzug in ein kleines Dorf unweit der von ihm inzwischen verhassten Großstadt. Verzückt schnupperte er Landluft statt Benzingestank und genoss dörflichen Klatsch statt großstädtischer Randale. Den Weg ins Büro legt er (bei entsprechender Witterung) mit dem Fahrrad zurück und macht sich dazu werktags rechtzeitig auf den Weg. Einen Wecker benötigt Erwin längst nicht mehr, denn für das rechtzeitige Erwachen sorgt ein Hahn aus der nahegelegenen Mastwirtschaft, dem Erwin enthusiastisch sogar literarische Sympathie und Gesang entgegenbrachte.
Den natürlichen Weckruf begrüßte Erwin der Großstadtflüchter in den ersten Wochen noch mit Dichterworten aus dem Liedgut des Dichters Leberecht Drews (1816 -1870): "Frühmorgens wenn die Hähne kräh'n, eh' noch der Wachtel Ruf erschallt, eh' wärmer all die Lüfte weh'n, vom Jagdhornruf das Echo hallt ...".
Trotzdem stellte sich mit der Zeit ein gewisses Schlafdefizit ein. Denn das Tier nahm auf individuell gestaltete Schlafgewohnheiten des Wahl-Dörflers keinerlei Rücksicht.
Erwin begann, sich nach der schnöde verlassenen "Großstadtmelodie" zu sehnen. Denn der Chef des ländlichen Hühner-Harems übte sich nicht nur in morgendlicher Zeitansage sondern tagsüber in endlosem Triumphgeschrei über sein segensreiches Fortpflanzungswerk.
Dabei ist die nationale Herkunft des geflügelten Kopulationssportlers
durchaus von Bedeutung. Aus Züchterkreisen ist bekannt, dass zum Beispiel italienische Hähne um die 25 Hennen zu beglücken in der Lage seien, deutsche Artgenossen hingegen würden bereits spätestens nach der 12. Vermehrungs-Attacke schlapp machen. Daraus folge, dass deutsche Züchter vermehrt zum Einsatz italienischer Leistungsträger neigten, zumal das mengenmäßige Ergebnis nationale Qualitäts-Unterschiede nicht erkennen lasse.
Fest davon überzeugt, dass die Ahnengalerie des Nachbarhahns bis in die 100. Generation nach Sizilien reiche, verlangte Erwin die "Abschaffung" des krähenden Potenzbündels. Für ein faules Ei hielt er allerdings dass, was der Kleinstadt-Richter als Urteil ausbrütete: "Existenziell abhängig sei die Henne vom Hahn", führte er aus und dass jede Hühnerhaltung ohne männliche Ordnungsmacht nicht auskomme.
Einschlägige Frauenzeitschriften schweigen überraschender Weise zu diesem Rechtsspruch. Erwin wohnt inzwischen wieder in der Großstadt in unmittelbarer Nähe eines Verkehrsknotenpunktes. Inzwischen geht er sogar mit allen Mitteln gegen das Geräusch tropfender Wasser-Hähne vor. Außerdem trat er unverzüglich einem Männerkochkurs der Volkshochschule bei und lässt dort Unmengen von Federn fliegen: "Gegrillte Italienhahn-Brust an Grill-Tomaten mit Mozarella-Füllung und Knoblauchsud", "Curry-Hahn mit Pommes frites" oder "Rheinländer-Filet an Rosenkohl, Petersilienkartoffeln und Cognac-Soße" ...
Ähnlichkeiten mit aktuellen oder vergangenen Rechtsfällen sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich beabsichtigt.