Auch lautes Schnarchen kann ein plausibler Grund für eine Eigenbedarfskündigung sein.
Passanten, die in lauen Nächten die stille B-Straße in G. durchwandern, verharren verwundert und lauschen: Da ist es wieder, ein Baum wird gefällt. Und man wundert sich zu Recht, denn die frühe Morgenstunde ist keineswegs der richtige Zeitpunkt, Bäume abzusägen. Aber plötzlich ist alles still und jäh beißt sich erneut die Säge durch das Holz. Doch weder das Krachen eines Stammes kündet vom Sieg der Säge, noch das seufzend-allerletzte Rascheln des entseelten Blattwerkes. Fraglos: Hier wird zwar gesägt, doch nicht vom Waldarbeiter, sondern vom Schnarcher.
Walter L. aus G. ist der Verursacher und hat sich damit unbeliebt gemacht bei seiner Hildegard. Er sägt am Gestell, auf dem seine Ehe und die komfortable Schlafstatt ruhen. Hildegard indessen ist am Ende ihrer Kraft. Denn während Walter seinen Schlaf erholsam und entspannend zu gestalten in der Lage ist, sitzt Hildegard verzweifelt vor einem Gebirge aus Kissen und unterlässt trotzdem rücksichtsvoll alles, was der Gatte als Angriff auf seinen Nachtschlaf empfinden könnte. Nach mehr als einem Jahr war Hildegard nicht mehr bereit, sich der ehelichen Folter des Schlafentzuges aussetzen und verließ das gemeinsame Schlafzimmer auf Dauer. Auf Wohnzimmersofa und Kinderzimmercouch fand sie allerdings auch bei geschlossenen Türen und wegen unbequemer Unterlagen keine Nachtruhe.
Zufällig traf sie auf der Treppe ihren Mieter Rudolf P. Der Junggeselle wohnt seit zwei Jahren im Obergeschoss des
Zweifamilienhauses der L's.
Nein, er vernehme nichts von den nächtlichen Blaskonzerten seines Vermieters, äußerte er arglos und handelte sich dadurch die Kündigung seines Mietverhältnisses wegen Eigenbedarfs ein. Hildegard nämlich hatte ihren Walter vor die Entscheidung gestellt: Scheidung oder Schlafzimmer im Obergeschoss - ohne Mieter Rudolf, versteht sich.
Die Durchsetzung der Kündigung erwies sich als schwierig und endete durch ein richterliches Machtwort. Hildegard überzeugte das Gericht von den grandiosen Sägekonzerten, die von dem frei schwingenden und erschlafften Gaumensegel ihres Mannes verursacht werden und sie seit Monaten um den Schlaf und in Kürze um den Verstand brächten. Pech für Rudolf: Er hat Wohnung und Lager im Obergeschoss zu Gunsten Hildegards zu räumen.
Walter L. indessen ertrug die Einsamkeit im Ehebett nur schwer und ließ auf Zuraten seines Hausarztes bei einer verständnisvollen HNO-Ärztin mittels Laserstrahl Hand an seine Nase legen. Aus Dankbarkeit lud der Patient die Medizinerin zu einem Abendessen ein. Nicht geplant war jedoch, dass sie danach spontan auch Hand an Walter selbst legte. Ob ihre fachärztlichen Bemühungen erste Erfolge zeigen und die sägenden Bettgeräusche diszipliniertem Atemholen gewichen sind, hat sie noch nicht herausgefunden, denn die beiden kommen einfach nicht zum Schlafen ...
Ähnlichkeiten mit aktuellen oder vergangenen Rechtsfällen sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich beabsichtigt.