Badewanne oder Rhein-Herne-Kanal: Das ist hier die Frage
Seine Eltern hatten ihn frühzeitig gewarnt, Freunde redeten pausenlos auf ihn ein. Er jedoch schlug alle Warnungen in den Wind. Unbändige Genuss-Sucht gepaart mit Abenteuerlust ließen ihn nach einem besonders delikaten Happen schnappen.
Was folgte war Todesangst vor einem grässlichen Ende.
Der Jungaal aus dem Rhein-Herne-Kanal zappelte nämlich hilflos an der Angel von Paul R. aus B.. Dem lief bereits das Wasser im Mund zusammen: Aalrahm-Suppe, Aal in Bier oder Rotwein, gebraten, vielleicht lieber gekocht. Die Rezeptvielfalt lässt es da schon einmal zu Entscheidungsschwäche in der Küche kommen. Und die kann sich in sehr seltenen Fällen sogar als lebensrettend herausstellen. Als nämlich der Nachwuchs des Petrijüngers den bis zur Entscheidung über seine Zubereitung in der Badewanne zwischengelagerten Leckerbissen entdeckte, erhob sich Protestgeschrei.
Die schlüpfrige Delikatesse wurde begnadigt und fortan zum - Haustier.
Lebensraum: Badewanne. Das war vor 33 Jahren, zu Zeiten der ersten Mondlandung. Seitdem teilt sich "Aalfred von der Wanne" seine Unterkunft mit seinen Gastgebern. Beanspruchen diese nämlich seinen paradiesischen Lebensraum zur persönlichen Hygiene, zieht er kurzfristig in einen Eimer.
So blieb dem glitschigen Zappelphilipp der 5000 Kilometer-Marathon bis zur Laichstation in der Saragossa-See erspart, erlesene Leckerbissen (rote Mückenlarven an krabbeligen Maden) ließen ihn auf 60 Zentimeter anwachsen. Und die persönliche Reinlichkeit seiner
Gastgeber beschert ihm regelmäßig ein Lebenselement, das dem im Rhein-Herne-Kanal im Hinblick auf Reinheit um ein Vielfaches überlegen ist.
So lebten die R.s und er glücklich - bis ein Journalist Aalfred in die internationalen Schlagzeilen von Presse, Rundfunk und Fernsehen brachten. Sogar Quiz-Ikone Günter. J. engagierte den Flussaal für seine Fernsehsendung als Quotenbeschaffer.
Inzwischen haben sich Tierschützer aufgeschwungen, Aalfreds Gefangenschaft und zölibatäre Lebensweise zu beenden und riefen das Ordnungsamt auf den Plan. Die Staatsdiener besuchten Aalfred, prüften Wassertemperatur und Nahrung, ließen sich dessen Speisekarte erläutern. Ein Tierarzt bestätigte in seinem Bericht an das Fischgesundheitsamt des Landesamtes für Ökologie eine optimale Lebensumgebung von 15 Grad und bescheinigte dem schlanken Schwimmer eine gesundheitliche Verfassung, wie ein Fisch im Wasser.
Ob Aalfred sich nun in einem engen Aquarium aalen muss, er vielleicht doch noch in Richtung Bermuda-Dreieck zu wandern hat oder seinen Artgenossen im Rhein-Herne-Kanal demnächst vom Paradies erzählen wird, haben die Ordnungshüter noch nicht entschieden.
Die R.s werden um Aalfred, der sich auch gerne streicheln lässt, kämpfen. 33 Jahre Schicksals- und Badewannengemeinschaft verbinden. Und außerdem: Aalfred ist inzwischen als Gaumenkitzel nicht mehr geeignet. Auch Fische kommen in die Jahre - tot oder lebendig.
Ähnlichkeiten mit aktuellen oder vergangenen Rechtsfällen sind nicht nur möglich, sondern ausdrücklich beabsichtigt.