Wer hätte das je gedacht, dass ein grauer Donnerstag mal zum Tag des Jahres, ja des Jahrzehnts, wenn nicht gar des Jahrhunderts werden könnte! Von irgendeinem morgenroten Montag hätten wir das eher erwartet, oder? Steht doch der Montag gemeinhin für den Neuanfang. Auch einem Freitag mit der verlockenden Aussicht auf ein goldenes Wochenende würden wir ohne Zögern Bedeutendes zutrauen, stimmt's?
Doch halt, einem Freitag verpassten wir auch schon mal das Prädikat "schwarz". Und ein neu aufgelegter Schwarzer Freitag, sozusagen ein Déjà-vu des berühmt-berüchtigten Freitags aus dem Jahre 1929, ein solcher Freitag hätte im Jahre 2008 das Zeug, uns alle platt zu machen. Geben wir uns also mit einem verregneten Donnerstag im Oktober zufrieden, der gleichwohl Geschichte schrieb. Es bleibt uns eh nichts anderes übrig!
Ja, es war an einem Donnerstag, genauer, dem 16. Oktober 2008, an dem sich an gleich drei "Fronten" wahrlich Wichtiges tat. Es war der Tag, als sich die Politik ohne das übliche Parteiengezänk entschloss, ein großes, ein wahrlich riesiges Projekt zur Rettung der (Finanz-)Welt auf den Weg zu bringen. Bund und Länder, wer hätte das gedacht, waren sich ausnahmsweise einmal einig, haderten nicht miteinander um ein paar lumpige Millionen und verkniffen sich, das Ende des Föderalismus an die Wand zu malen (was sie sonst immer tun). Selbst die Bayern machten mit, als es darum ging, ein sage und schreibe 500 Milliarden schweres Rettungspaket zu schnüren, um die drohende Katastrophe eines globalisierten Totalbankrotts unserer Wirtschaft zu verhindern. Schlimm genug, aber es sei gesagt, es drohte nicht nur der Bankrott aller Finanzwelten sondern auch der Supercrash der gesamten "realen" Wirtschaft.
Und selbst die Europäer, von Herrn Sarkozy ins schöne Paris (da schien übrigens die Sonne!) zusammen getrommelt, verordneten sich an diesem Donnerstag eine Rosskur der besonderen Art. Zusammen genommen nahmen die Damen und Herren fast eine Billion Euro "in die Hand", um sie der "Not leidenden" Finanzbranche anzuvertrauen.
Hierzulande verpasste man der Notoperation am Geldmarkt den Namen "Finanzmarktstabilisierungsgesetz" (FMStFG). Was für ein Wortungetüm! Na, ja Schwamm drüber. Auf den Geist, der diesem Gesetz inne wohnt, kommt's an. Nicht Augen zu und durch sondern Augen auf und ran, hieß die Parole, als man beschloss und verkündete, dem galoppierenden globalen Finanzwahnsinn nicht allein mit Geld sondern auch mit neuen (leider noch ziemlich unverbindlichen) Spielregeln beizukommen.
Doch der "historische" Donnerstag stand auch für den "Welternährungstag". Der wurde vor 39 Jahren für den 16. Oktober von der UNO zunächst als Welthungertag ins Leben gerufen! Diesmal wartete man am East River in New York mit einer ganz besonderen Horrormeldung auf: Bereits im nächsten Jahr soll die Zahl der Hungernden weltweit auf eine Milliarde Menschen ansteigen, sagten die Prognostiker der Vereinten Nationen voraus. Nicht mehr Hunderte, nein dann sollen Tag für Tag Tausende an den Folgen chronischer Unternährung sterben müssen.
Zu erwarten, dass die Internationale Finanzkrise ("Krise", eine schönfärberische und damit in die Irre führende Beschreibung des Zocker-Irrsinns) die durchgeknallten Investment-Banker weltweit auf die Idee bringen könnte, zukünftig die eigene Gier zu zügeln, stattdessen von Stund an nur noch das Wohl der Hungerleidenden im Sinn haben zu wollen, das wäre mehr als nur naiv, fürchte ich.
Doch es tut sich ein Hoffnungsschimmer am Horizont auf. Immerhin hat sich in der Politik die Erkenntnis durchgesetzt, dass das globale Finanzdesaster das Leid der hungernden Menschen nur noch schlimmer machen könnte. Auch hier, so beschloss man am East River, werde nun sofort gehandelt. Wolle man doch das Versprechen wahr machen, so lautet die Botschaft der reichen Staaten an die Habenichtse dieser Welt, und nun endlich die vor Jahren zugesicherten (aber nie gezahlten) 0.7 Prozent der verschiedenen Staatsetats in die Entwicklungshilfe stecken.
Bleibt ein drittes, historisches Monitum, das hier aufzuzählen wegen der ungleich geringeren Schwere, schon geradezu peinlich anmutet: Das Fernsehen will dem Doping-Wahnsinn (vorläufig nur im Radsport) ein Ende machen, ließ man uns an diesem grauen Donnerstag ebenfalls wissen. Keine Fernsehbilder von fahrenden Epo-Kraftmeiern mehr. Hätte man schon vor Jahren ein Geruchsfernsehen gehabt, die Lügen-Tour wäre längst von den Bildschirmen gebannt. Epo-gedopte Helden, so berichten das die Zierdamen von den Tour-Siegesfeiern, riechen nicht einmal mehr (nach Schweiß!).
Die Tour de France 2009 fährt also unter dem Slogan "Ohne Uns!" Die Deutschland-Tour wird ganz ausfallen. Ob hier irgendwann einmal die Vernunft wieder einkehren wird, der kluge Ansatz vom gesunden Geist im gesunden Körper von Sportlern, Funktionären, Medizinern und von den Sponsoren respektiert werden wird, man mag es nach den unzähligen Lippenbekenntnissen der letzten Jahre bezweifeln - war doch alles nur Lug und Trug.
Damit dieser (viel zu spät einsetzende) Aktivismus bei der Neujustierung des globalen Finanzwesens, bei der Bekämpfung des Hungers in der Welt und bei der Verabredung eines einheitlichen Regelwerks zum Dopingverbot im Sport, nicht nur ein Strohfeuer wird, sind wir alle gefordert. Wir sollten der Legislative (und später auch der Exekutive) genau auf die Finger schauen, ob all ihre Versprechungen eingehalten werden und letztlich zu belastbaren und vor allem nachhaltigen Ergebnissen führen oder nicht. Skeptische Begleitung und kritische Beobachtung des Gesetzgebers, der Verbände, ja selbst der Kontrolleure, das heißt aller "relevanten Gruppen", ist erste Bürgerpflicht. Ruhig waren wir lang genug!
Die noch wohlfeilen Absichtserklärungen müssen in belastbare Normen, das heißt in konkrete Gesetze umgeschrieben werden. Die Zeit ist reif für solche Vorschriften, die schlicht und einfach das regeln, was geht - und die umgekehrt das unmöglich machen, was nicht geht. Es bedarf neuer Maßregeln, die unnachsichtig jedweden Verstoß gegen das Vernunftgebot als Verstoß ahnden. Kein Zögern mehr, kein Filibustern um Peanuts! Und es bedarf der Sanktionen! Die aus Gier "generierten Gewinne", die Bank- und Börsen-Zocker und die sie stützende Institutionen, wie etwa Banken und Fondgesellschaften "erwirtschaftet" haben, sollten bis auf den letzten Cent zugunsten des Allgemeinwohls abgeschöpft werden können.
Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass uns Lobbyisten und deren leichtfüßige Helfershelfer in den Parlamenten noch einmal irgendwelche Mogelpackungen verkaufen, wie zuletzt Anfang 2004. Damals war uns das "Investmentmodernisierungsgesetz", mit dem hierzulande Hedgefonds ("Heuschrecken") zugelassen wurden, als Schutzgesetz für den Mittelstand verkauft worden. Ein Aberwitz!
Diese Tendenz, uns alle für dumm verkaufen zu wollen, ist längst nicht mehr allein Sache der Veranstalter von Kaffeefahrten. Nein, auch der Gesetzgeber selbst ist bei diesem "Geschäft" immer häufiger aktiv. Jüngstes Beispiel einer gerade noch ertappten Politik-Trickserei: Der neuerliche Versuch, die Bundeswehr angeblich ausschließlich zur "Bekämpfung besonders schwerer Unglücksfälle" auch im Inland einsetzen zu dürfen. Zum Beispiel zur Bekämpfung von gewaltbereiten Hooligans bei der Fußball-WM. Kein Witz, das war ernst gemeint.
Allzu durchsichtig dieser Versuch, uns auf den Arm nehmen zu wollen! Man wird fragen dürfen: Ob ein "schwerer Unglücksfall" schon dann reichen wird, Soldaten in Marsch zu setzen, wenn Sparer oder Rentner aus Furcht vor dem drohenden Verlust ihrer Spargroschen oder dem Verfall ihrer Renten in Frankfurt oder in Berlin zu Hunderttausenden auf die Straßen gehen sollten? Wird (soll) so Ruhe, die erste Bürgerpflicht, mit Waffengewalt erzwungen werden?
Die Frage ist genau so zulässig wie die Frage an die Medien, wann endlich Schluss ist mit der (ungewollten) Komplizenschaft mit jenen häufig genug auch arroganten Nebelbombenwerfern, die uns über Jahrzehnte hinweg durch falsches Expertenwissen in die Irre führten.
Ist nicht auch Ihnen aufgefallen, dass derzeit auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen, in den Nachrichtensendungen von Hörfunk und Fernsehen, aber auch in allen möglichen "Brennpunkt"-, "Exklusiv"-Sendungen, in unzähligen Talkrunden immer noch die gleichen "Experten" auftauchen? Dieselben "Fachleute", die auch schon vor der Krise gefragt waren? Erinnern wir uns nicht an deren Versicherungen, "alles sei sicher, alles sei in völliger Ordnung, man habe alles im Griff"? Und wo tatsächlich etwas nicht funktioniere, so wurden die Damen und Herren nicht müde zu predigen, werde "der freie Markt das schon richten". Die dem jüngst so erschreckend gescheiterten System immanent innewohnenden "Selbstreinigungskräfte" (als da wären: Offene Märkte für Waren, Dienstleistungen und Kapital), wo hatten diese Kräfte je mäßigend gewirkt? Wann und wo hatten diese das sich immer schneller drehende Karussell des ethischen wie des realen Werteverfalls je zum Stehen bringen können?
Jetzt erklären uns dieselben Protagonisten, niemand habe das Desaster voraussehen können, weil kein Aas mehr den Durchblick gehabt habe. Da sei aus dem Ruder gelaufen, was niemand habe prognostizieren können. Zitiert werden die Präsidenten der Notenbanken, der Europäischen Zentralbank, ja selbst des Weltwährungsfonds, die allesamt (wie auch Politiker jedweder Couleur) nicht mehr haben verstehen oder durchschauen können, was da für obskure "Produkte" auf dem "Parkett" in Frankfurt, London, Tokyo und New York in Form von "Derivaten", "Obligationen", "Kurswetten" angeboten worden sei. Man habe schlicht "den Überblick verloren", hieß es nun. Wie konnte man übersehen, was man angeblich "fest im Griff" hat?
Und was taten und tun bislang die Damen und Herren meiner Zunft, die Journalisten? Sie schreiben auf, halten Mikrofone hin und laden immer noch dieselben wissentlich Unwissenden aus Wirtschaft, Forschung und Lehre zu so genannten Experten-Runden ein. Sie stellen immer noch an die gleichen Leute dieselben Fragen wie vor der Krise. Wenn sie dann doch einmal nachhaken, das heißt auf einfachen Antworten bestehen, lassen sich diese Show-Redakteure gern ins Boxhorn jagen, ja auch schon mal regelrecht einschüchtern. Der Trick der angegriffenen "Experten": Man unterstellte den Interviewern kess, sie hätten von den Problemen einer global agierenden Finanzwirtschaft Null Ahnung. Und schon gingen die in die Knie. Allein die "naiven" Fragen der Interviewer offenbarten deren Ahnungslosigkeit, blaffte erst jüngst einer der Experten im Privatfernsehen. Diese rotzfreche Replik, sie folgte der alten Regel, dass Angriff die beste Verteidigung ist, provozierte aber keinen kollektiven Aufschrei der gescholtenen Medienmacher. Nein, die Attacken wurden mit dem Hinweis, dass sich so was am Ende doch "versende", einfach nicht beachtet. "Klappe zu, Affe tot", heißt der Fernsehmacher beliebteste Blödelei immer noch, wenn's eng wird.
Wenn denn tatsächlich keine neuen sachverständigen "Aufklärer" zu finden sein sollten, die den hoffentlich bald endenden Finanz-Hype den Lesern, den Zuhörern, den Zuschauern in einfachen Worten erklären könnten, warum erläutern sie, die Wirtschafts-Journalisten dann nicht selbst, was Sache ist. Warum werden diese nicht selbst zu Analysten oder zu unabhängigen Experten? Journalisten, die nur einem verpflichtet sind, den Fakten nämlich! Diese Fakten fördert nur eine eigene, von einem ethischen Grundkanon getragene, Recherche zutage. Doch für die gründliche Recherche ist in den Verlagen, in den Funkhäusern immer weniger Geld vorhanden, heißt es. Die These, die Demokratie sei solange nicht in Gefahr, als eine unabhängige Presse die bösesten aller Skandale ans Tageslicht zerre, diese These ist längst hohl geworden. Es brennt halt allzu viel an. Siehe oben!
Eine Lösung? Keine Lösung? Träumen wir doch mal.
Den Oktober zeichnet die jährlich anfallende Nominierung der zukünftigen Nobelpreisträger aus. Und das Karussell dreht sich nicht nur an einem Donnerstag, nein, die Show läuft über mehrere Wochen ab.
In diesem Jahr wünschte man sich, dass diese Auszeichnung posthum vergeben würde. Den Friedensnobelpreis würde ich dann z. B. dem Evangelisten Matthäus zukommen lassen (er schrieb die Bergpredigt nieder). Oder Martin Luther für seine 95 Thesen, oder Emanuel Kant für seinen Kategorischen Imperativ oder warum nicht gleich Antoine de Saint-Exupery? Er dachte sich einen Kleinen Prinzen aus, um der Welt ein paar wichtige Tipps zu geben. Wie etwa diesen, den er einem Fuchs in den Mund legte (den sich der Kleine Prinz zum Freund auserkoren hatt: "Man ist ein Leben lang verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat." Zitat Ende. Wären etwa die Broker der Wallstreet in New York oder auf dem Frankfurter "Parkett" je auf die Idee gekommen, sich die Armen dieser Welt, "vertraut" zu machen, nie hätte es eine Krise wie die jetzige gegeben.
Aber warum ins Philosophische abschweifen, wenn es um das Doping, auch das Finanzdoping und letztlich um den Hunger der Welt geht. In diesem Jahr sollte dann nur ein Kandidat für den Mathematik- besser noch für den Wirtschaftspreis "dran" sein, auf den sich das Wahlgremium ohne jede Diskussion hätte einigen können. Und dieser eine heißt Adam Riese! Folgte man seinen Regeln, dann müsste allen Experten, allen Analysten, allen Politikern und aber auch allen Journalisten eines klar sein: Dass nämlich 1 + 1 nicht 3, sondern nur 2 ergibt.
Soviel Einsicht unterstellt immer noch
Ihr Matthias-Josef Zimmermann
(Langjähriger Leiter der ARD-Ratgeber Recht-Redaktion, Köln)